A poem
A poem, made from words.
Where do the words come from?
From the joints like woodlice,
From the cornstalk like flowers,
From the fire like whistles,
What comes to me, I take,
To comb it against the grain,
To pair it unnaturally,
To shear it naked,
To wash it in lye
My word
My dove, my stranger,
Torn from the lips,
Thrust from breath,
Written in the drifting sand
With its peers
With its rivals
Line for line,
My own desert
Line for line
My paradise.
– Marie Luise Kaschnitz (1962)
Übersetzer: Jesse Kopp
Original:
Ein Gedicht
Ein Gedicht, aus Worten gemacht.
Wo kommen die Worte her?
Aus den Fugen wie Asseln,
Aus dem Maistrauch wie Blüten,
Aus dem Feuer wie Pfiffe,
Was mir zufällt, nehm ich,
Es zu kämmen gegen den Strich,
Es zu paaren widernatürlich,
Es nackt zu scheren,
In Lauge zu waschen
Mein Wort
Meine Taube, mein Fremdling,
Von den Lippen zerrissen,
Vom Atem gestoßen,
In den Flugsand geschrieben
Mit seinesgleichen
Mit seinesungleichen
Zeile für Zeile,
Meine eigene Wüste
Zeile für Zeile
Mein Paradies.
