Alles wandelt sich, Bertolt Brecht, English translation

Alles wandelt sich


Alles wandelt sich. Neu beginnen
Kannst du mit dem letzten Atemzug.
Aber was geschehen ist, ist geschehen. Und das Wasser
Das du in den Wein gossest, kannst du
Nicht mehr herausschütten.

Was geschehen ist, ist geschehen. Das Wasser
Das du in den Wein gossest, kannst du
Nicht mehr herausschütten, aber
Alles wandelt sich. Neu beginnen
Kannst du mit dem letzten Atemzug.

Bertolt Brecht


All things transform

All things transform. Begin anew
You may with your last breath of air.
But what has happened, has happened. And the water
That you poured in the wine, you can
No longer pour out.

What has happened, has happened. The water
You poured in the wine, you can
No longer pour out, but
All things transform. Begin anew
You may with your last breath of air.

Translation by Jesse Kopp ©2024

Poem (the spirit likes to dress up) – Übersetzung ins Deutsche

Gedicht (die Seele verkleidet sich gerne)

Die Seele
mag es, sich so zu verkleiden:
zehn Finger,
zehn Zehen,

Schultern, und der ganze Rest
bei Nacht
in den schwarzen Ästen,
morgens

in den blauen Ästen
der Welt.
Sie könnte gleiten, natürlich,
zieht es aber vor,

raue Materie zu ergründen.
Luftiges formloses Ding,
sie braucht
die Metapher des Körpers,

Limette und Appetit,
Meeresflüßigkeiten;
sie braucht die Welt des Körpers,
Instinkt

und Vorstellungskraft
und die dunkle Umarmung der Zeit,
Süße
und Greifbarkeit,

verstanden zu werden,
mehr als pures Licht zu sein,
das brennt,
wo niemand ist –

so dringt sie in uns ein –
morgens
glänzt mit brachialer Geborgenheit
wie ein Blitzstich;

und bei Nacht
erleuchtet die tiefen und wundersamen
Ertränkungen des Körpers
wie ein Stern. 

― Mary Oliver

Übersetzung von Jesse Kopp ©2024

Ein Gedicht, Marie Luise Kaschnitz (1962) – Übersetzung ins Englische

A poem

A poem, made from words.
Where do the words come from?
From the joints like woodlice,
From the cornstalk like flowers,
From the fire like whistles,
What comes to me, I take,

To comb it against the grain,
To pair it unnaturally,
To shear it naked,
To wash it in lye
My word

My dove, my stranger,
Torn from the lips,
Thrust from breath,
Written in the drifting sand

With its peers
With its rivals

Line for line,
My own desert
Line for line
My paradise.

– Marie Luise Kaschnitz (1962)

Übersetzer: Jesse Kopp

Original:

Ein Gedicht

Ein Gedicht, aus Worten gemacht.
Wo kommen die Worte her?
Aus den Fugen wie Asseln,
Aus dem Maistrauch wie Blüten,
Aus dem Feuer wie Pfiffe,
Was mir zufällt, nehm ich,

Es zu kämmen gegen den Strich,
Es zu paaren widernatürlich,
Es nackt zu scheren,
In Lauge zu waschen
Mein Wort

Meine Taube, mein Fremdling,
Von den Lippen zerrissen,
Vom Atem gestoßen,
In den Flugsand geschrieben

Mit seinesgleichen
Mit seinesungleichen

Zeile für Zeile,
Meine eigene Wüste
Zeile für Zeile
Mein Paradies.

Geschmacksache von Wilhelm Busch, eine Übersetzung ins Englische

Geschmacksache

Dies für den und das für jenen. 

Viele Tische sind gedeckt. 

Keine Zunge soll verhöhnen, 

Was der andern Zunge schmeckt. 

Lasse jedem seine Freuden, 

Gönn ihm, daß er sich erquickt, 

Wenn er sittsam und bescheiden 

Auf den eignen Teller blickt. 

Wenn jedoch bei deinem Tisch er 

Unverschämt dich neckt und stört, 

Dann so gib ihm einen Wischer, 

Daß er merkt, was sich gehört.

A matter of taste

This unto them and that for those.

So many a table is set. 

No tongue should ever deign to mock 

what other’s appetites whet.

Leave everyone unto their joys, 

Indulge all that refreshes,

If modestly and properly,

They find their own plates precious.

If, however, at your table

They tease and taunt and bother,

Then smack them right up side the head

To remind them what’s proper.

Ich hatte kurz Zeit für ein wenig Poesie heute, ich hoffe ihr hattet Spaß beim lesen. A little lesson on minding your own business.

🙂 Jesse Kopp